Wenn meine Unruhe plötzlich vier Pfoten bekommt

ChatGPT Image 31. Aug. 2026, 23 02

Die letzten Wochen und Monate waren geprägt von Arbeit und Prüfungsvorbereitung. Meine Nerven dezent angespannt – und meine Hunde demnach teilweise furchtbar lästig und kaum auszuhalten.

Zumindest dachte ich das.

Ich war eigentlich ständig am Tun. Arbeiten, lernen, organisieren, noch schnell dies erledigen und jenes fertig machen. Und irgendwo dazwischen habe ich versucht, auch noch meine Hunde reinzuquetschen.

Schnell eine Runde raus.
Nebenbei ein bisschen beschäftigen.
Zwischendurch kuscheln – während der Kopf längst wieder woanders war.

Und meine beiden Lieblinge?

Die folgten mir ständig durchs Haus. Kaum stand ich auf, standen sie auch auf. Einer hinter mir, einer irgendwo vor mir, am besten noch genau dort, wo ich hinwollte.

Sie kamen schlecht zur Ruhe, wirkten fordernder als sonst und hatten scheinbar ein untrügliches Gespür dafür, genau dann irgendetwas zu brauchen, wenn ich wirklich überhaupt keine Zeit dafür hatte.

Ich geb’s zu: Sie gingen mir auf die Nerven.

Mehr als einmal dachte ich mir: „Könnt ihr euch bitte einfach einmal irgendwo hinlegen und schlafen?“

Bis ich vor ein paar Tagen plötzlich wieder zwei völlig andere Hunde vor mir hatte.

Oder vielleicht sollte ich besser sagen: Sie hatten plötzlich wieder einen anderen Menschen vor sich.

Die Prüfung war vorbei, der größte Druck draußen und ich hatte zum ersten Mal seit Langem das Gefühl, gedanklich nicht schon bei den nächsten fünf Dingen zu sein.

Ich saß einfach nur da.

Und meine Hunde legten sich neben mich und schliefen.

Keiner klebte an meinen Fersen, als ich kurz in die Küche ging. Keiner sprang bei jeder meiner Bewegungen auf. Kein permanentes Hinterherlaufen, kein „Was machen wir jetzt?“, kein nervöses Herumwuseln.

Nichts … einfach Ruhe.

Und da wurde mir wieder einmal ziemlich deutlich vor Augen geführt, wie stark wir uns gegenseitig beeinflussen.

Meine Hunde waren in den Wochen davor nicht plötzlich „anstrengend“ geworden.

Ich war angespannt.

Und diese Anspannung hatte längst nicht nur in meinem Kopf stattgefunden.

Hunde bekommen verdammt viel von uns mit

Wir sprechen oft darüber, wie gut wir unsere Hunde lesen sollten.

Körpersprache beobachten. Ausdrucksverhalten erkennen. Kleine Veränderungen wahrnehmen.

Dabei vergessen wir manchmal, dass sie genau dasselbe mit uns machen.

Und vermutlich teilweise wesentlich besser, als uns lieb ist.

Hunde achten nicht nur darauf, was wir sagen. Sie nehmen wahr, wie wir uns bewegen, wie wir atmen, wie sich unsere Stimme verändert, wie schnell wir gehen und wie viel Spannung wir im Körper haben.

Wir müssen gar nicht hektisch durch die Gegend laufen und laut „ICH BIN GESTRESST!“ rufen.

Es reicht schon, dass unser gesamtes Verhalten ein bisschen anders ist.

Die Schultern sind fester. Die Bewegungen schneller. Wir atmen flacher, reagieren weniger geduldig und sind mit unseren Gedanken überall – nur nicht wirklich dort, wo wir gerade stehen.

Und unser Hund sitzt mittendrin.

Stimmungsübertragung nennt man das.

Dabei gleichen sich Verhalten und Befinden innerhalb einer sozialen Gruppe aneinander an. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, sondern ein ziemlich sinnvoller Mechanismus.

Wenn in einer Gruppe einer plötzlich aufmerksam wird, weil möglicherweise Gefahr droht, ist es für die anderen nicht unbedingt klug, völlig tiefenentspannt weiterzudösen.

Man orientiert sich aneinander, reagiert aufeinander, und man stimmt sein Verhalten aufeinander ab.

Genau das passiert auch zwischen uns und unseren Hunden.

Wir sind schließlich nicht nur die Person, die Futter hinstellt und die Leine hält. Wir sind ein sehr wichtiger Sozialpartner.

Und nein, dein Hund bildet sich deine Stimmung nicht ein

Spannend finde ich, dass Hunde unsere Gefühlslage nicht nur über Körpersprache und Stimme wahrnehmen.

Sie können offenbar sogar riechen, wie es uns geht.

In Untersuchungen wurden Hunde beispielsweise mit menschlichen Geruchsproben konfrontiert, die von Personen stammten, die zuvor Angst beziehungsweise Freude erlebt hatten.

Der Geruch von Angst hatte messbare Auswirkungen auf das Verhalten der Hunde. Sie suchten weniger Kontakt zu fremden Menschen und orientierten sich stärker an ihrer Bezugsperson.

Das muss man sich einmal vorstellen.

Du brauchst gar nichts zu sagen. Du brauchst deinen Hund nicht einmal anzusehen. Dein Körper erzählt trotzdem eine Geschichte.

Und dein Hund kann Teile davon lesen.

Noch interessanter wird es, wenn man nicht nur einzelne Situationen betrachtet.

In einer Untersuchung wurde über längere Zeit das Stresshormon Cortisol im Haar beziehungsweise Fell von Menschen und ihren Hunden gemessen.

Dabei zeigte sich, dass sich die langfristigen Stresslevel von Hund und Mensch erstaunlich ähnlich entwickeln können.

Besonders spannend daran: Der menschliche Stress schien dabei einen stärkeren Einfluss auf den Stress des Hundes zu haben als umgekehrt.

Das heißt natürlich nicht, dass jedes nervöse Verhalten unseres Hundes automatisch etwas mit uns zu tun hat.

So einfach ist Verhalten zum Glück – oder leider – nie.

Aber wir sollten uns selbst als Teil des Ganzen nicht vergessen.

Manchmal hängt unsere Anspannung mit an der Leine

Ich sehe das auch bei Spaziergängen immer wieder.

Man begegnet einem Hund und denkt sich schon hundert Meter vorher:

„Oh bitte, nicht der.“

Vielleicht gab es beim letzten Mal eine blöde Situation. Vielleicht kennen wir den anderen Hund nicht. Vielleicht sind wir einfach nicht sicher, wie unser eigener heute reagieren wird.

Und noch bevor überhaupt irgendetwas passiert ist, verändert sich etwas.

Wir nehmen die Leine kürzer.

Unser Schritt wird anders.

Der Körper spannt sich an.

Wir beobachten den anderen Hund ganz genau.

Vielleicht halten wir sogar kurz den Atem an.

Und dann wundern wir uns, warum unser Hund plötzlich ebenfalls hochfährt.

Natürlich kann der andere Hund selbst der Auslöser sein, aber unser Hund nimmt eben nicht nur diesen Hund wahr. Er nimmt auch den Menschen am anderen Ende der Leine wahr.

Und wenn dieser Mensch gerade ziemlich deutlich vermittelt: „Da vorne stimmt etwas nicht“, wäre es fast verwunderlich, wenn der Hund diese Information komplett ignorieren würde.

Das soll kein „Du bist schuld“ sein. Ganz im Gegenteil.
Denn Schuld bringt uns beim Hundetraining sowieso selten besonders weit.

Es geht ums Wahrnehmen.

Ich muss für meine Hunde nicht immer tiefenentspannt sein

Und das ist mir bei diesem Thema wirklich wichtig.

Ich möchte nicht, dass du diesen Artikel liest und dir danach denkst:

„Super. Jetzt darf ich nicht einmal mehr gestresst sein, weil ich damit meinen Hund kaputt mache.“

Bitte nicht. Dann hätten wir das Thema erfolgreich komplett falsch verstanden.

Wir sind Menschen.
Wir haben Arbeit, Sorgen, Termine, Konflikte und manchmal schlicht einen beschissenen Tag.

Wir dürfen genervt sein.

Wir dürfen traurig sein.

Wir dürfen unruhig sein.

Und selbstverständlich dürfen unsere Hunde uns auch einmal nerven.

Ich halte überhaupt nichts von diesem Bild, dass wir unseren Hunden gegenüber jederzeit souverän, ruhig, gelassen und innerlich völlig ausgeglichen sein müssen.

Das schafft kein Mensch – zumindest keiner, den ich kenne.

Was wir aber tun können, ist hin und wieder ehrlich hinschauen.
Nicht nur zum Hund … auch zu uns.

Wenn mein Hund heute plötzlich wesentlich unruhiger ist als sonst, kann ich mich fragen:

Was war heute eigentlich los?

Wie bin ich gerade drauf?

Bin ich schon den ganzen Tag unter Strom?

Ist unser Alltag momentan vollgestopft?

Komme ich selbst überhaupt irgendwann einmal zur Ruhe?

Und wie soll mein Hund eigentlich abschalten, wenn ich den ganzen Tag durch die Gegend renne und ihm dabei unbewusst vermittle, dass offenbar jederzeit irgendetwas passieren könnte?

Diese letzte Frage darf ich mir momentan übrigens selbst ziemlich groß auf einen Zettel schreiben.

Vielleicht braucht es manchmal gar nicht noch mehr

Wir Menschen neigen bei Problemen gerne zum Machen.

Der Hund ist unruhig? – Dann beschäftigen wir ihn.

Er läuft ständig hinterher? – Vielleicht ist er nicht ausgelastet.

Er kann nicht abschalten? – Dann machen wir noch eine Runde.

Noch ein Suchspiel. Noch ein Training. Noch irgendeine Übung.
Dabei ist manchmal genau das Gegenteil nötig.

Weniger.

Weniger Programm. Weniger Erwartung. Weniger „Wir müssen noch“.

Und manchmal braucht es einen Menschen, der sich selbst einmal irgendwo hinsetzt und nicht drei Sekunden später wieder aufspringt.

Unsere Hunde können nur in dem Alltag leben, den wir ihnen anbieten.

Und wenn dieser Alltag über Wochen hinweg aus Hektik, Zeitdruck und ständigem Tun besteht, dann gehört diese Stimmung eben auch zu ihrer Umwelt.

Das habe ich in den vergangenen Wochen ziemlich eindrucksvoll von meinen beiden vor Augen geführt bekommen.

Das Schöne daran: Es funktioniert auch andersherum

Denn diese Verbindung zwischen uns und unseren Hunden bedeutet nicht nur, dass unsere Anspannung bei ihnen ankommen kann.

Sie können uns ebenso herunterholen.

Ich kenne diese Momente sehr gut.
Du setzt dich hin, dein Hund legt sich neben dich und irgendwann landet deine Hand ganz automatisch auf seinem Fell.

Du spürst, wie ruhig er atmet.

Spürst die Wärme seines Körpers.

Und irgendwann merkst du plötzlich, dass du selbst langsamer wirst.

Dass die Schultern ein bisschen absinken.

Dass du tiefer atmest.

Dass für einen Moment nichts wichtig ist außer genau dieser Augenblick.

Auch das ist Beziehung. Wir wirken aufeinander.
Nicht nur beim Training oder am anderen Ende einer Leine.

Sondern eigentlich die ganze Zeit.

Vielleicht einfach einmal hinschauen

Seit diesen letzten Tagen sehe ich das Verhalten meiner beiden wieder etwas anders.

Wenn sie unruhig werden, werde ich natürlich weiterhin zuerst schauen, was sie brauchen.

Ob körperlich alles passt.

Ob sie ausreichend schlafen.

Ob sie ausgelastet oder vielleicht gerade zu viel ausgelastet sind.

Ob es Veränderungen im Alltag gibt.

Ob sie Stress haben.

Aber irgendwo in dieser Liste steht jetzt wieder etwas deutlicher:

Wie geht es eigentlich mir gerade?
Welchen Einfluss hab ich gerade auf das Verhalten meiner Hunde? Immerhin bin ich Teil ihres Lebens … ein ziemlich großer sogar.

Vielleicht magst du das beim nächsten Mal ausprobieren, wenn dein Hund irgendwie „komisch“ ist.

Bevor du überlegst, welches Training jetzt nötig wäre, bleib für einen Moment stehen.
Atme, hör in dich und frag dich:

Wie bin ich eigentlich gerade unterwegs?

Vielleicht liegt die Antwort tatsächlich beim Hund.

Vielleicht aber auch ein kleines Stück bei dir.

Meine zwei haben mir jedenfalls in den letzten Wochen ziemlich eindrucksvoll gezeigt, wie meine innere Unruhe auf vier Pfoten aussehen kann.

Und seit ich wieder ein bisschen mehr bei mir angekommen bin?

Liegen diese beiden angeblich so furchtbar lästigen Hunde friedlich neben mir und schlafen.

Frechheit eigentlich. 😉

Studien & Quellen zum Weiterlesen

Falls du ein bisschen tiefer in das Thema Stimmungsübertragung zwischen Mensch und Hund eintauchen möchtest, findest du hier zwei spannende Studien, auf die ich mich im Artikel beziehe:

Können Hunde unsere Emotionen riechen?

D’Aniello, B., Semin, G. R., Alterisio, A., Aria, M. & Scandurra, A. (2018):
Interspecies transmission of emotional information via chemosignals: from humans to dogs (Canis lupus familiaris).
Animal Cognition, 21, 67–78.
DOI: 10.1007/s10071-017-1139-x

In dieser Untersuchung reagierten Hunde unterschiedlich auf menschliche Geruchsproben, die mit Angst oder Freude in Verbindung standen. Beim Geruch von Angst zeigten sie unter anderem ein verändertes Sozial- und Stressverhalten und orientierten sich stärker an ihrer Bezugsperson. Die Studie liefert damit Hinweise darauf, dass Hunde emotionale Informationen des Menschen auch über den Geruch wahrnehmen können.

Langzeitstress von Mensch und Hund

Sundman, A.-S., Van Poucke, E., Svensson Holm, A.-C., Faresjö, Å., Theodorsson, E., Jensen, P. & Roth, L. S. V. (2019):
Long-term stress levels are synchronized in dogs and their owners.
Scientific Reports, 9, 7391.
DOI: 10.1038/s41598-019-43851-x

Die Forschenden untersuchten die langfristigen Cortisolwerte von Hunden und ihren Halterinnen. Dabei zeigte sich eine Synchronisation der Stresshormonwerte. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass sich der langfristige Stress des Menschen auch im Stressniveau seines Hundes widerspiegeln kann.

Wichtig: Solche Studien bedeuten natürlich nicht, dass jedes unruhige, ängstliche oder auffällige Verhalten eines Hundes auf die Stimmung seines Menschen zurückzuführen ist. Verhalten entsteht immer aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren. Sie zeigen aber sehr schön, dass wir Menschen als Sozialpartner und Teil der Lebensumwelt unserer Hunde durchaus eine Rolle spielen – manchmal vermutlich eine größere, als uns bewusst ist.

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